Chronik

 

  • Veranstaltung

    Der „Umgestülpte Zuckerhut“ – die Fragezeichen bleiben

    Donnerstag den 19. November
    Hildesheim

    Der „Umgestülpte Zuckerhut“ – die Fragezeichen bleiben 01
    Der „Umgestülpte Zuckerhut“ – die Fragezeichen bleiben 02
    Der „Umgestülpte Zuckerhut“ – die Fragezeichen bleiben 03
    Seit nunmehr einem Vierteljahr ist das Geschehen am Andreasplatz geprägt durch die Bauarbeiten zur Rekonstruktion des Umgestülpten Zuckerhutes (im Folgenden der Einfachheit halber nur »Zuckerhut« genannt). Wenn die Termine gehalten werden können, soll im März die Einweihung sein. In diesem Stadium eine sachliche Einschätzung zu geben, ist nicht leicht. Zum einen war das Terrain der öffentlichen Diskussion um die kulturpolitische, städtebauliche und fachwissenschaftliche Dimension dieses Bauvorhabens von Anfang an in einer extremen Schieflage, daran hat sich nichts geändert. Insbesondere fehlten die fachwissenschaftlichen Grundlagen. Zum anderen ist die Baumaßnahme nicht abgeschlossen, vieles ist noch nicht fertig, manches – so darf man hoffen – wird wohl noch nachgearbeitet. Also bleibt, von allgemeinen Betrachtungen abgesehen, das zu beurteilen, was bis heute an der Baustelle zu sehen ist.


    Erbaut 1509 ?

    Durch Inschriften oder Archivalien ist zum genauen Baualter des Zuckerhutes (bisher) nichts bekannt. Auf dem Bauschild steht: 1509, auf dem neuen Schwellbalken des ersten Oberstockes am Durchschlupf auf den Andreasplatz ist zu lesen »ERBAUT UM 1509 ZERSTÖRT 1945 REKONSTRUIERT 2009«, natürlich, Stifter und Bauherr dachten an ein rundes Jubiläum und so passte für den Baubeginn die Nennung 1509, die in einem touristischen Stadtführer von 1909 zu finden ist. Sie stammt dort von dem Architekten und Oberlehrer Wilhelm Haaß, der 1904/1905 eine »Beschreibung der (…) Gebäude in der Stadt Hildesheim« gefertigt und den Zuckerhut zuerst auf »etwa aus der Zeit um1500« schätzte. Später änderte er – wie wir annehmen können - aus dem formentypologischen Vergleich mit dem durch eine Inschrift auf 1509 datierten ehem. Fachwerkgebäude des Michaelisheims (ehem. Rautenbergsche Hof) an der Ecke Michaelisplatz / Langer Hagen das Manuskript durch Überschreibung der letzten Null mit einer Neun zu der etwas kuriosen Angabe »etwa 1509«. Einer ersten gründlichen Untersuchung im Rahmen der jüngst verfassten Masterarbeit von Diplom-Restaurator Veith Grünwald am Institut für Baudenkmalpflege der HAWK im Wintersemester 2009 ist nun zu entnehmen, dass diverse, teils wesentlich ältere Fachwerkbauten stilistisch eher in einem Zuge mit dem Zuckerhut genannt werden können. Unter den erhaltenen Bauten erlaubt das Fachwerkgerüst des ehem. Hospitalgebäudes im Hinterhof des Brühl (tagsüber zugänglich, zuletzt Bibliothek der Fakultät Soziale Arbeit), den direktesten Vergleich. Archivalisch ist es auf 1497 datiert. Insgesamt kann der Zuckerhut nach dem derzeitigen Wissensstand in das letzte Drittel des 15. Jh., in die Zeit 1480/1490 eingeordnet werden. Bleibt also zu hoffen, dass die jetzt einsetzende Forschung zum Zuckerhut einmal letzte Gewissheit in die Fragen seiner Erbauungszeit bringen kann.


    Form und Konstruktion nach historischem Vorbild?

    Als die Baugrube ausgehoben wurde, tauchten neben der östlichen Stütze des Pfeilerhauses Reste einer Natursteinmauer auf, wahrscheinlich ein Teil der Einfriedung des ehem. St.-Andreas-Friedhofes. In der Baugrube wurde ein massives Blockfundament von ca. 0,75 m Höhe und einem geschätzten Gewicht von 90 Tonnen Stahlbeton gegossen, aus dem die Sockelstreifen – ebenfalls aus Stahlbeton – aufsteigen, eingelassen etliche Stahlteile, die zur Verankerung des Fachwerkgerüstes dienen. Darauf sind inzwischen die drei Stockwerke gesetzt, die dem ehem. Zuckerhut, soweit es das am Pfeilerhaus gekürzte Gebäude erlaubt, in Konstruktion und Zierformen auf den ersten Blick folgen. Auf den zweiten Blick entdeckt man aus dem modernen Ingenieurholzbau stammende Holzverbindungen wie die Fersenversätze an den Schrägstreben und vielfache Verdübelungen bei den Zapfenverbindungen. Bei den Verbindungen der Stockschwellen, Deckenbalken und Ständern sind an den Ecken unter historischen Gesichtspunk-ten zum Teil kuriose Verbindungen entstanden. Am historischen Zuckerhut waren sie nicht zu entdecken, sie mögen herrühren von den eingebauten Stahlverbindungen, die im Inneren der Holzkunstruktion verborgen sind und helfen, die Standfestigkeit des Gebäudes zu sichern. Auch gibt es etwas groß geratene Gefügeteile, deren Überdimensionierung wohl in der gleichen Notwendigkeit begründet ist. Vielleicht werden sie am Ende nicht sichtbar sein. Dennoch bleiben einige Irritationen. Von einem Abbild des ehem. Zuckerhutes wird man sprechen können, dem Anspruch einer regelrechten Rekonstruktion kann es nicht genügen.


    Ein Dokument Hildesheimer Fachwerkkultur?

    Was bisher am Andreasplatz errichtet wurde, ist vom Duktus der Rechtwinkligkeit, den geraden Balken und durch die Neuheit aller Hölzer von Gleichzeitigkeit in ihrem Alter geprägt. Alles wird wie aus einem Guss wirken, als hätte es die Änderungen von 1897 an dem damals schon vierhundert Jahre alten Zuckerhut nie gegeben. So zeigten beispielsweise die Fachwerkformen des damals neuen Erdgeschosses und der neue Dachgiebel einen modernen Schnitt und gaben sich dadurch auch in ihrer Andersartigkeit zu erkennen.
    Nun kann man dem neuen Zuckerhut den Charme des Gewachsenen und Gealterten schwerlich abverlangen. Er ist nun mal ein heute unter modernen Gesichtspunkten errichtetes Gebäude. Es ist aber bisher nichts Erkennbares versucht worden, um diesem Aspekt des Zuckerhutes in irgendeiner Weise Rechnung zu tragen.
    Vor diesem Hintergrund kann es fachlich kein ernsthafter Beitrag sein zu der einst so berühmten Fachwerkkultur der Stadt Hildesheim. Freilich, es taugt zur Animation und damit zur Erinnerung an den ehem. Zuckerhut. Ob er identitätsstiftende Kraft hat, wird sich erweisen müssen. Wenn es die Generation mit Erinnerungen an den Zuckerhut nicht mehr gibt, wird man den Enkeln – anders als beim Marktplatz – versuchen müssen, verständlich zu machen, wie es zu diesem städtebaulich, fachwerkgeschichtlich und denkmalpflegerisch kuriosen Bauwerk gekommen ist.


    Und die Öffentlichkeit?

    Sie ist weder im Einzelnen noch umfassend informiert. Wenn die Macht des Faktischen einmal genug Sediment gebildet hat, wird man an eine unbelastete Aufarbeitung herangehen können, vorausgesetzt, dass alle Informationen (Planunterlagen, Bauantrag, Berechnungen, Protokolle etc.) zugänglich werden, denn bis heute weiß die Öffentlichkeit nicht, wie das Ganze zustande kam und was genau eigentlich gebaut wird.
    Mit unbeirrbarer Stetigkeit wird von den Protagonisten des Zuckerhutes alles getan, um die umstrittene Aktion und das neue Gebäude zu nobilitieren. Dem Vernehmen nach ist das Ministerium für Wissenschaft und Kunst zur Einweihung gebeten, auch der Präsident der Architektenkammer ist im Gespräch. Man darf gespannt sein. Zweifellos ist es schön, wenn engagierter Bürgersinn im öffentlichen Raum etwas initiiert oder zustande bringt. Auch muss man dem konkreten Ansinnen, mit einer Stiftung zur Rekonstruktion des Zuckerhutes einen Beitrag zur Gestalt der Stadt und ihrer Entwicklung zu leisten, Respekt zollen.
    Den Vorgang aber sowohl dem Prozess öffentlicher kritischer Diskussion, als auch der Möglichkeit nachhaltiger Stadtreparatur und damit schließlich auch der Chance tatsächlich heimatstiftender Identität zu entziehen, gerät zum Bärendienst an der Stadt und erzeugt mit jedem Balken mehr – auch ohne fachliche Erläuterungen - die bange Frage, was hier wohl schief gegangen ist. Die Initiatoren und Akteure hoffen, wenn die Bauplanen fallen, auf den »Wow-Effekt«. Der wird sich sicher bei vielen einstellen, die anderen werden - wie viele schon jetzt - beim Eintritt in den Andreasplatz das Gefühl haben, als werden sie vom Hund gebissen.


    Martin Thumm (Stand Ende Jan. 2010)