Chronik

 

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    Der „Umgestülpte Zuckerhut“ – Eine schöne Geschichte

    Montag den 08. Februar
    Hildesheim

    Der „Umgestülpte Zuckerhut“ – Eine schöne Geschichte 01
    Der „Umgestülpte Zuckerhut“ – Eine schöne Geschichte

    Etwa um 1509 wurde der im Volksmund so genannte „Umgestülpte Zuckerhut“ errichtet. Gemeinsam mit dem „Pfeilerhaus“ bildete er eines der Wahrzeichen der Stadt Hildesheim. Erst 1623 wurde das giebelständige Haus am heutigen Andreasplatz 20 über die Straße erweitert und mit 3 Pfeilern auf der Friedhofsmauer der Andreaskirche abgestützt. Der wenig verzierte Zuckerhut zeichnete sich durch seine an drei Seiten jeweils um 40 cm auskragenden Obergeschosse aus. Die Brüstungen des „Pfeilerhauses“ hingegen waren mit bildhaften Fresken und geschichtlichen Darstellungen reich verziert. So entstand ein ungleiches Paar: ein Partner reich verziert und groß, der andere klein und bescheiden, der sich aber frech mit seinem spitzen Giebel zum Hohen Weg vordrängelte. Bei dem Bombenangriff am 22. März 1945, dem ein Großteil der Hildesheimer Altstadt zum Opfer gefallen war, wurden auch der Zuckerhut und das Pfeilerhaus zerstört.

    Im Juli 2007 hat die Kaiserhausstiftung Heinz Geyer mit der Unterstützung der Stadt Hildesheim zu einem Wettbewerb über den Wiederaufbau des „Umgestülpten Zuckerhuts“ eingeladen.

    Das Verfahren war ergebnisoffen formuliert. Es sollten insbesondere die Fragen des Standortes, des Umgangs mit dem Bestand an Nachkriegsarchitektur sowie des städtebaulichen Kontextes beantwortet werden.

    Im November 2007 wurden sechs sehr unterschiedliche Lösungen der Bauaufgabe eingereicht. Die Bandbreite reichte von historisierenden bis zu modernen Vorschlägen. Nach sehr kontroversen Diskussionen innerhalb des Preisgerichts wurde der Entwurf der Braunschweiger Architektengruppe HMP, Herrenberger, Miehe und Paris einstimmig mit dem 1. Preis ausgezeichnet. Die beiden weiteren in der Endrunde verbliebenen Arbeiten erhielten jeweils einen 3. Preis.

    Der Entwurf sieht eine Rekonstruktion des Zuckerhuts am historischen Standort vor, der in Verbindung mit dem Pfeilerhaus steht. Die beiden Gebäude sollen über eine verglaste Fuge miteinander verbunden werden, damit das historische Gebäudeensemble wieder erlebbar wird. Vor dem Hintergrund der sehr geringen Nutzflächen des Zuckerhuts ist darüber hinaus eine gemeinsame Nutzung zwischen beiden Gebäuden als Museum und Café vorgesehen. Das Erdgeschoss des Zuckerhuts soll mit großen verglasten Flächen transparent gestaltet werden. Anstelle des Pavillons ist der ehemalige Pultdachanbau am „Pfeilerhaus“ als Wintergarten nachempfunden worden.
    Die historischen Stadträume, Wege- und Blickbeziehungen sollen mit der Rekonstruktion des Gebäudeensembles wieder erlebbar werden.

    Im April 2008 wurde die Architektengemeinschaft Heinz Geyer/HMP gegründet und von der Kaiserhausstiftung beauftragt, den Entwurf hinsichtlich der Maßgaben des Preisgerichts zu überarbeiten und den Bauantrag einzureichen. Zum Projektleiter wurde Herr Dipl.-Ing. Frank Eisenhardt ernannt. Für den denkmalpflegerischen Umgang mit dem Pavillon und die Gestaltung des Erdgeschosses sollten alternative Vorschläge erarbeitet und mit der Stadt abgestimmt werden.
    Zeitgleich wurde die Verbindliche Bauleitplanung durch das Stadtplanungsbüro Schwerdt entwickelt.

    Die prunkvollen Bauwerke der Kirche und der Öffentlichkeit standen schon immer mehr im allgemeinen Interesse als die mit dem Notwendigsten ausgestatteten heimischen Wohnwirtschaft-gebäude. Auf der Grundlage sehr guter historischer Fotografien aus der Jahrhundertwende und der Bestandspläne des Erdgeschosses einschließlich der darüber liegenden Deckenbalkenlage des Zimmermeisters Adolf Spöhrhase (Brandkasse) aus dem Jahre 1898 ist der „Umgestülpte Zuckerhut“ rekonstruiert worden. Es gibt in den Plänen dokumentierte Querschnitte der Stiele und Deckenbalken. Der Zimmermeister hat den zuvor nach Süden abgerutschten Zuckerhut durch eine neue Fachwerkfassade im Erdgeschoss gesichert. Ursache hierfür könnte der 1896 gebaute neue Schmutzwasserkanal nördlich des Pfeilerhauses gewesen sein.

    Der Architekt August Albert Steinborn hielt bereits bei der Rekonstruktion des „Pfeilerhauses“ in den 50er Jahren die Fassade fensterlos und sah als Reminiszenz an den „Umgestülpten Zuckerhut“ den Pavillon an der Südostecke des „Pfeilerhauses“ vor. Erst nach der Errichtung des „Pfeilerhauses“ wurde vermutlich auf Grund der Befahrbarkeit des Andreasplatzes die Verkehrsführung vor das Pfeilerhaus verlegt. In diesem Zusammenhang ist dann auch der Pavillon an die Südwestecke des „Pfeilerhauses“ verschoben worden. An eine Fußgängerzone hatte damals noch niemand gedacht.

    Die Nutzung des neuen Hauses an seiner städtebaulich prominenten Lage sollte öffentlichen Charakter haben. Eine Café-Terrasse am Andreasplatz würde diesen auf angenehme Weise beleben und zum Verweilen einladen.

    An dem ihm vorgesehenen Platz kann nun der „Umgestülpte Zuckerhut“ wiederaufgebaut werden. Es ist ein Café im 1. Obergeschoss des „Pfeilerhauses“ geplant. Eine kleine Ausstellung, die den Wiederaufbau Hildesheims dokumentiert, soll im „Umgestülpten Zuckerhut“ gezeigt werden. Die fußläufige Wegebeziehung zwischen der Andreaspassage und dem Hohen Weg unter dem Pfeilerhaus sollte erhalten bleiben.

    Die Planung wurde im September 2008 als Bauantrag eingereicht. Im Genehmigungsverfahren musste der Entwurf dahingehend geändert werden, dass der Pavillon erhalten bleibt und das Erdgeschoss des Pfeilerhauses einschließlich des Pavillons und Durchgangs zu einem Café ausgebaut werden. Im 1. Obergeschoss des „Pfeilerhauses“ soll nun das Büro der Kaiserhausstif-tung Einzug erhalten.

    Auf dieser Grundlage erteilte die Stadt Hildesheim im Juli 2009 die Baugenehmigung. Die Kaiserhaustiftung hat mit der Stadt einen Städtebaulichen Vertrag geschlossen und kaufte das „Pfeilerhaus“ von der Gemeinnützigen Baugesellschaft zu Hildesheim.

    Zwischenzeitlich wurden die Baupläne ausgearbeitet und mit der Leiterin der Unteren Denkmalschutzbehörde, Frau Dr. Kozok abgestimmt. Die Rekonstruktion verfolgt das Ziel, das überlieferte und den Hildesheimer Bürgern in Erinnerung gebliebene Bild vom „Ungestülpten Zuckerhut“ wieder herzustellen.

    Auf der Grundlage der Spöhrhase-Pläne wurde eine Achsengeometrie der Deckenbalken entwickelt, die sich in allen Geschossen wiederfindet. Die Deckenbalken wurden fächerförmig bis zur Achse des Ostgiebels angeordnet, die um ca. 25° aus der lotrechten Firstachse verschwenkt ist.

    Aus den geometrischen Zusammenhängen ergab sich, dass alle Knaggen und Balkenköpfe vergattert und alle Sparren, ausgenommen die des Westgiebels gegratet werden müssen. Auf der Grundlage der Architektenpläne führte Herr Brendecke den Nachweis der Standsicherheit. Das Ingenieurbüro Speich, Hinkes und Lindemann aus Hannover wurde mit der Prüfung der Statik beauftragt worden.

    Die Architektengemeinschaft forderte zehn Zimmereien auf, im Rahmen einer Beschränkten Ausschreibung ihr Angebot abzugeben. In der engeren Auswahl waren drei Firmen, deren Leistungsfähigkeit und insbesondere deren Qualität der angebotenen Hölzer sehr sorgfältig untersucht worden ist. Die Bauhölzer wurden vorab und während der Arbeiten durch die Gutachten- und Beratungsgesellschaft Professor Schierwater + Ingenieure aus Braunschweig untersucht und dokumentiert worden.

    Im September 2009 wurden die Zimmerarbeiten an die Firma Bauwerksanierung Büse aus Brakel-Beller vergeben. Sie verfügt über einen exzellenten Eichenholzvorrat mit einem großen Anteil an Hölzern, die älter als zehn Jahre sind und weist darüber hinaus einen hohen Sachverstand in der Sanierung von Fachwerkhäusern auf.

    Umgehend wurden die restlichen noch erforderlichen Holzquerschnitte in Deutschland zusammengetragen und auf dem Abbundplatz der Firma Büse in Borken/Kassel nach den Architektenplänen verzimmert. Der Abbund erfolgte witterungsgeschützt auf dem Schnürboden der Abbundhalle durch Zimmermeister Michael Schwarz.

    Am 27. Oktober 2009 erfolgte feierlich der Erste Spatenstich für die Gründung des „Umgestülpten Zuckerhuts“. Die Hildesheimer Firma Kubera gründete das Fundament auf engstem Raum mit schwierigen Baugrundverhältnissen.

    Am 30. November wurden die Hölzer für das Erdgeschoss nach Hildesheim geliefert und durch Zimmermeister Thomas Lüke gerichtet. Für das Abbinden und Verzimmern der Deckenbalken über dem Erdgeschoss und der Schwelle des 1. Obergeschosses konnte das Rähm des Erdgeschosses erst sehr spät vom Schnürboden entlassen werden. Diese zeitlichen Zusammenhänge führten dazu, dass die für die Bevölkerung sichtbaren Arbeiten auf dem Andreasplatz nur schubweise voran gehen. Die für die Renaissance typischen Schnitzarbeiten an den Schwellen, Balkenköpfen und Knaggen wurden ebenfalls nach den geometrischen Vorgaben vergattert und angefertigt. So entstanden lange Zahlenkolonnen je Deckenbalkenachse für die Verzimmerung der Deckenbalken, Knaggen und Profilierung der Wülste und Dreiecksziere.

    Am 18. Dezember wurde mit dem Richten des 1. Obergeschosses und am 15. Januar mit dem Richten des 2. Obergeschosses begonnen.
    Am 3. Februar 2010 ist alles vorbereitet für ein zünftiges Richtfest.


    Heinz Geyer und Frank Eisenhardt (Stand Ende Jan. 2010)