Chronik

 

  • Exkursion

    Kirchenbaustellen-Exkursion Göttingen, Clausthal und Lautenthal

    Freitag den 07. November ab 08:15 Uhr

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    AIV-Kirchenbaustellen-Exkursion Göttingen, Clausthal und Lautenthal am 07.11.2008

    Am 7. November 2008 um 8.15 Uhr begaben sich 16 Mitglieder und Freunde des AIV Hildesheim per PKW nach Göttingen.

    St. Johannis Kirche in Göttingen

    In der doppeltürmigen St. Johannis Kirche begrüßte Pastor Grote die Schar der AIV-ler.

    Die Kirche mit romanischem Ursprung und einem noch vorhandenen romanischen Nordportal ist geprägt von dem Aufbau und den Veränderungen in der Gotik. Bestimmend für die Silhouette von Göttingen ragen beide Türme, der Süd- und der Nordturm, weit über die übliche Bauhöhe der Universitätsstadt Göttingen hinaus.

    Im Nordturm stiegen wir bis zur Aussichtsebene hinaus, die bis zum Jahr 2002 die höchste Studentenunterkunft in Deutschland war. Die sehr kunstvoll verrichteten Verbleiungen als Witterungsschutz für die Eichenturmhelmkonstruktionen wurden von allen bestaunt. Diese filigranen Arbeiten sind in jedem Fall hinterlüftet; als dauerhafter Schutz für die Holzkonstruktion. Der Turmhelm besitzt eine majestätische Struktur.

    Herr Götz berichtete über die Sanierungsarbeiten, die im Jahr 2001 am Nord- und Südturm begannen. 14 Tage vor der geplanten Übergabe der sanierten Türme, am 22. Januar 2005 haben zwei Jugendliche durch Brandstiftung alle Arbeitet vernichtet. Durch die gute Feuerversicherungs-politik der ev.-luth. Landeskirche in Hannover konnte mittels der Feuerversicherungsgelder der Turm wieder errichtet werden. In nur 9 Monaten Bauzeit auf rund 60 m² Grundfläche und in 30 m bis 70 m Höhe wurde die Baukonstruktion am 26. November 2005 fertiggestellt und der Gemeinde und der Landeskirche übergeben.

    Eindrucksvoll auch der Andachtsraum in rund 50 m Höhe. Vom Turmhelm bietet sich die Stadtlandschaft wie auch umgebende Kulturlandschaft von Göttingen in seiner ganzen Vielfalt für den Betrachter.


    Chordach St Johannis Göttingen

    Herr Grabau vom Büro Götz und Ilsemann, der von 2000 bis 2008 die Sanierungsarbeiten in Göttingen leitete, berichtete ausführlich von den Baugegebenheiten mitten in der Stadt in großer Höhe, über neun Jahre hinweg.

    Nach der Besichtigung des Nordturms stieg die Gruppe bis zum zweiten Geschoss im Westwerk hinab, um in den Südturm und von da aus in das Kirchenschiffdach einzusteigen. Eine fünfgeschossige Kehlriegelkonstruktion, rund 650 Jahre alt, hat die Zeiten im Wesentlichen überdauert. Die Kriegseinwirkungen des zweiten Weltkrieges hatten die Konstruktion durch freie Bewitterung über 8 Jahre wesentlich geschädigt, jedoch war das Eichenholz in seiner Substanz soweit erhalten, dass in den 50-er Jahren diese elegante Dachkonstruktion durch Umwandlung in ein Pfettendach nicht soweit geschädigt wurde, um es im Jahre 2006/07 durch denkmalgerechte Eingriffe, die statisch-konstruktiv den interpretierten neuen Windbelastungen gerecht ausgebildet wurde, wieder herzustellen.

    Herr Graubau und Herr Götz schilderten aus bauhistorischer Sicht, wie die Montage der Dachkonstruktion dieses fünfgeschossigen Kehlriegeldaches auf den Bundbalken als Abbundebene vor 650 Jahren vorgenommen wurde. Gelungen ist dieses denkmalpflegerisch sehr hoch angebundene Werk durch intensive Zusammenarbeit von Planer und Prüfingenieur. Eine beeindruckende Leistung, die auch durch Veröffentlichung in der Fachpresse große Beachtung fand.


    Marktkirche in Clausthal

    Von Göttingen setzte sich der PKW-Konvoi Richtung Clausthal im Oberharz in Bewegung. Nach einer knappen Stunde erreichten wir die Marktkirche in Clausthal. Sie ist die größte europäische Holzkirche. Sie wurde im 17. Jhd. von Bergleuten aus dem Erzgebirge errichtet, die in Clausthal eine neue Heimat fanden.

    Frau Austen vom Kirchenvorstand der Heilig Geist Kirchengemeinde empfing uns. Sie erläuterte im Kirchenschiff die sakralen Kunstgegenstände. Seit vier Jahren wird die Kirche unter statisch-konstruktiver Begleitung vom Büro Götz & Ilsemann restauriert. Bemerkenswert ist die handwerkliche Verknüpfung im Laufe der Jahrhunderte zwischen Fachwerk und Glockenturm. Durch das Läuten der 3 Glocken ergaben sich Verformungen, die die Blechabdichtungen schädigten. Dadurch drang Wasser aus Schnee und Regen in den Turm. 2006 und 2007 neigte sich der Turm nach Südwest. Bei Verformungen von w = 15 cm musste das Läuten eingestellt werden. Der Turm neigte sich ohne Geläutbelastung jedoch weiter. Im Frühsommer 2008 wurde der Turm demontiert und als getrennte Konstruktion zwischen dem äußeren Fachwerk und dem inneren Glockenstuhl neu errichtet. Zum Ableiten der Horizontalkräfte aus dem Glockenläuten wurden Erdanker in den Harzer Fels gebohrt und verpresst. Es wurde durch praktische Messungen nachgewiesen, dass die max. Verformung nun bei 1,1 mm liegt. Rechnerisch war 1 – 2 mm in der Statik prognostiziert.

    Die AIV-ler stiegen bis ins Oktogon auf. Dieses wurde zu 90% aus den alten Hölzern wieder errichtet. Wohingegen die gesamte sonstige Konstruktion mittels 3D-Ausführungsplanung in den EDV-gesteuerten Abrichtmaschinen vorgefertigt wurden. Die Vorspannung mit Erdanker ist in statisch-konstruktiver Hinsicht für Kirchtürme, zumindest im niedersächsischen Raum, einmalig.

    Nach einem ausgiebigen Mittagessen im Restaurant „Glück auf“ fuhren wir weiter nach Lautenthal. Unsere letzte Station der Besichtigungsreihe von außergewöhnlichen Kirchbauwerken in Göttingen und im Oberharz.


    Paul-Gerhardt-Kirche in Lautenthal

    Frau Schmeckebier als Kirchenvorstandsvorsitzende der Kirchengemeinde begrüßte die Hildesheimer AIV-Abordnung recht herzlich.

    Die Lautenthaler Kirche aus dem 17. Jhd. wurde ebenfalls von sächsischen Bergleuten, die noch nach soviel Generationen in Lautenthal die sächsische Mundart pflegen, errichtet.
    Für die größer werdende Gemeinde im 18. Jhd. wurden die Bundbalken entfernt, um eine zweite Empore einbauen zu können. In einem weiteren Ausbauschritt wurden die Querstrebenwände herausgeschnitten. Dieses hatte zur Folge, dass die Kirche sich in den letzten 200 Jahren um etwa 60 cm verbreiterte. Das hatte wiederum zur Folge, dass alle noch vorhandenen Bundbalkenköpfe im Kastensims des Kirchenschiffes verfault waren. Nachdem umfangreiche Messungen in den Jahren 2000 bis 2005 ergeben hatten, dass die Verformungen weitergehen, entschied die Landeskirche dieses bedeutende Gotteshaus zu sanieren. Das Büro Götz & Ilsemann bekam die Planung und Bauleitung in Auftrag. In einer zweijährigen Bauphase wurde die Kirche in ihrer Grundsubstanz gesichert. Die weitgehenden Verformungen wurden nicht zurückgeführt, weil vermutet werden musste, dass die sich daraus ergebenden Zwängungen dem Bauwerk großen Schaden zuführen würden.

    Nach Abschluss der Besichtigung der Lautenthaler Kirche wurde an der Innerstetalsperre Kaffee getrunken und Kuchen gegessen. Besonders bemerkenswert waren die riesigen Windbeutel mit Sauerkirchen und Sahne gefüllt.

    Alle 16 Teilnehmer der Tagesexkursion zeigten sich beeindruckt von den vorgetragenen und gezeigten Projekten.

    Jürgen Götz