Chronik

 

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    Rückblick DAI-Tag - Laudatio auf Ira Mazzoni von Prof. Dr. Wolfgang Pehnt

    Mittwoch den 14. Dezember

    Hildesheim, 24.9.2011

    Was ist besser: dass ein Laudator grundsätzlich anderer Meinung ist als die zu lobende Person? Die spannendere und seltenere Alternative wäre es sicherlich, es käme zu Reibung, Konflikt und - weil die literarische Gattung Laudatio natürlich auch ihre Anstandsregeln hat - zum guten Schluss doch zum Eingeständnis, auch die andere Position, die des Preisgekürten, könne etwas für sich haben. Oder ist es besser, wenn der Lobredner sich mit den Urteilen des zu Rühmenden, der zu Rühmenden identifiziert? Auf diese wenig dramatische Situation muss ich Sie, meine Damen und Herren, heute vorbereiten. Wenn ich in der Süddeutschen Zeitung, in den Fachzeitschriften Baumeister oder Deutsche Bauzeitung, in Sammelbänden oder anderswo auf einen Beitrag von Ira Mazzoni stoße, könnte mich ein stiller Beobachter fast - fast! - immer zustimmend mit dem Kopf nicken sehen: Ja, das finde ich auch, was sie da schreibt. Zumal es stets mit Sachkenntnis begründet, elegant formuliert, mit überzeugender Logik ausgeführt und mit Mut vertreten ist. Da nimmt sie auch keine apodiktische Äußerung von einer unserer Autoritäten in Architektur, Stadtplanung oder Denkmalpflege unbefragt hin. Sie riskiert den Konflikt auch mit Koryphäen.

    Von Frau Mazzoni kann man zu fast jedem aktuellen Thema der Architekturszene ein kompetentes Urteil erwarten: Sie reflektiert über so anspruchsvolle oder fragwürdige, des Fragens würdige Begriffe wie Baukultur, Fragment oder Urheberrecht. Sie geißelt den Verpackungsfuror der Dämmungsindustrie, die unter dem Mantel der Energieeinsparung feinteiligen Fassaden vergangener Zeiten vermummte Schutzanzüge verpasst. Sie setzt sich für übersehene Qualitäten der viel gescholtenen Architektur aus den 1960er und 70er Jahren ein. Sie nimmt Anstoß an der Verwandlung von Baudenkmälern in Wirtschaftsgüter, die auf Hochglanz getrimmt werden und dem Standortmarketing dienen, statt in ihrer oftmals gar nicht so hochglänzenden, aber aussagekräftigeren Erscheinung gesichert zu werden.

    Wenn diese Autorin sich der zeitgenössischen Architekturproduktion annimmt oder Architektenportraits zeichnet, legt sie auch dort nicht das kritische Rüstzeug an der Garderobe ab. Denn das ist ja eine Versuchung: Wer über Architektur schreibt, muss sich beim Architekten mit dessen
    Absichten, den gelungenen wie den nicht verwirklichten, vertraut machen. Darüber entsteht leicht eine von Verständnis und Empathie getragene Kumpanei, die das kritische Urteil entschärft. Nicht so bei Ira Mazzoni. Bei jedem Thema macht sie sich nach allen Regeln des verantwortungsbewussten Journalismus kundig und findet überdies beneidenswert suggestive Sprachbilder. Lord Fosters Bibliotheksgebäude in der Berliner FU: eine „gepanzerte Denkblase“; Stefan Braunfels’ Kuppel über der Münchner Pinakothek der Moderne: „Sonnentempel und Schattentheater zugleich“ - das trifft und führt dem Leser die Sache, um die es geht, sogar ohne Abbildung vor Augen.

    Frau Mazzoni schreibt, auch, über ein Revier, das seltsamerweise in der Öffentlichkeit außerhalb des Faches kaum Autoren und kritische Begleiter gefunden hat, über die Landschafts-, Garten- und Freiflächengestaltung. Es ist eine merkwürdige Sache, dass ein Arbeitsgebiet, das sich mit dem öffentlichen Raum, mit Platz, Park und Landschaft beschäftigt, in unserer schreibenden Branche und bei ihrem Publikum so wenig auf Interesse gestoßen ist. Fehlt es an Kriterien, an Kenntnissen von der Pflanzenkunde bis zur Freiraumplanung, vielleicht auch am Fachvokabular? Frau Mazzoni hat diesen Mangel bei sich selbst gespürt und einen originellen Weg eingeschlagen, um die Lücke zu schließen. Sie hat sich verordnet, zur eigenen Wissensvermehrung ein Buch - nicht zu lesen, das wäre ja das Übliche, sondern gleich selbst zu schreiben, ein übrigens zauberhaft lesbares über die großen Gärten von Babylon bis Duisburg-Nord. Da musste sie sich zwangsläufig mit der Geschichte, den Instrumenten und der Ikonografie dieses Faches beschäftigen.

    Gärten sind merkwürdige Geschöpfe. Anders als die Kunstwerke, die wir sonst kennen, sind sie nicht fixierte Gegenstände, sondern Prozesse. Denn wann ist ein Garten fertig? Nie. Er verändert sich in der Zeit, in der Tageszeit, in der Jahreszeit, aber vor allem im Laufe der Jahre. Der Gärtner muss die künftige Veränderung seiner Schöpfung von Anfang an mitdenken. Aber so sehr er in die Zukunft voraus denkt, Garten und Park haben ihren eigenen Willen, den er bestenfalls zu lenken versuchen kann. Heute, wo die möglichst attraktive Rekonstruktion des Vergangenen Hochkonjunktur hat, erwartet auch die großen historischen Gärten Rekonstruktion. Aber auf welchen Zustand hin? Wo ist das Original, etwa in den Stichwerken, mit denen die stolzen Bauherren den Ausgangszustand ihrer Schöpfung überliefern und die Nachwelt beeindrucken wollten?

    Mich haben immer die Anlagen am meisten gefesselt, bei denen sich unterschiedliche Vorstellungen von Natur übereinander legten, etwa der Landschaftspark des späteren 18. und des 19. Jahrhunderts über den achsenstrengen Barockgarten - wie bei einem Palimpsest, wo der eine Text über den anderen geschrieben wurde und jeder seine Spuren hinterließ. Ich bin in einer Stadt aufgewachsen, die über zwei großartige, in ihrer Geschichte immer wieder überarbeitete Parks verfügt, in Kassel. Der Bergpark Wilhelmshöhe (übrigens auch in Ira Mazzonis Werk beschrieben) und der Talgarten Karlsaue sind jeder für sich größer in ihrer Flächenausdehnung als es die ganze historische, vorindustrielle Residenzstadt war, zu der sie gehörten. In beiden Anlagen kontrastieren die barocken Achsenfächer, die geometrischen Wasserbassins und Gartenparterres mit den komponierten Freiheiten des späteren Landschaftsparks. Beide beziehen ihre Spannung aus diesem von der Zeitentwicklung auferlegten Konflikt. Jeder Versuch, sie nachträglich auf eine Formel zu bringen - daran hat es nicht gefehlt, heutige Gartendenkmalpfleger sind ja ehrgeizige Leute - würde sie um eine wesentliche Aussage bringen, um die ihnen eigene Geschichte.

    An diesem Punkt kam mir der Gedanke: Vielleicht sollten wir von der Geschichte der Landschaft etwas über die Geschichte der Bauwerke lernen. Mag sein, dass diese Überlegung auch Ira Mazzoni bewogen hat, die Kritik des Gartens in ihr Repertoire aufzunehmen. Werke der historischen Architektur sind oft, gerade in den letzten Jahren, mit Partituren verglichen worden. Alles Wesentliche, wird da behauptet, stehe in den fixierten Noten. Der unveräußerliche Originaltext sei der vom Künstler niedergelegte Plan, die Partitur, die man immer wieder aufführen könne. Und deshalb dürfe auch der verloren gegangene Bau rekonstruiert oder gar wieder erfunden werden, manchmal auch nach Jahrhunderten, am anderen Ort und für ganz andere Zwecke: Einkaufszentren oder Sparkassen etwa sind beliebte Funktionen für die heutigen Repliken von Schlössern oder Fachwerkzeilen. Es dürfe wieder aufgeführt werden, was das Herz begehre; es gebe ja - meistens jedenfalls - den Plan. Ist das so? Hatten die Bauten keine Geschichte? Hat die Zeit keine Spuren auf ihnen hinterlassen, sie zu Veränderungen geführt, die uns andere Geschichten erzählen als die des Erstschöpfung? Und haben nicht erst diese Spuren die überlieferten Zeugnisse zu unersetzlichen Geschichtsdokumenten gemacht, einmalig in ihrem Gewordensein?

    An den Werken der Natur ist der Wandel, den die Zeit bedingt, leichter wahrzunehmen als an denen der Architektur. Wir stehen ja oft staunend unter den ausladenden Bäumen, die unsereiner vor nicht allzu langer Lebenszeit selbst gepflanzt hat, als sie noch ganz kleine Setzlinge waren, und nun haben sich die Vegetationsbilder völlig verändert. Aber verändert haben sich auch die Bauten im Laufe der Zeit wie wir heute an St. Michael gesehen haben: in ihrer Materialität, in ihrem erweiterten oder verloren gegangenen Ursprungszustand, in dem Sinn, den sie für die Zeitgenossen hatten und nun für uns haben. Denn verändert haben sich auch die Augen, mit denen sie gesehen werden. Wer einen gewachsenen Park mit wachem Verstand betrachtet, müsste also auch seine Schlussfolgerungen für den Umgang mit gebauter Substanz ziehen. Er müsste über den Begriff des Originals nachdenken; müsste sich mehr als einmal kritisch befragen, bevor es ans Restaurieren oder gar Rekonstruieren geht. Er müsste sich um Urteilskriterien bemühen, die Wieder-Holung erlauben oder verbieten. Zu rekonstruieren, was gefällt, nur weil es gefällt, ist keine ausreichende Motivation. Ich denke, diese Anmerkung ist auch in Hildesheim angebracht.

    Aber Skepsis gegenüber dem heutigen Replikenwesen enthebt uns nie und nimmer der Verpflichtung gegenüber allen Zeugnissen der Geschichte, die noch erhalten sind und gerettet werden können, mit allen Spuren ihrer großen wie ihrer elenden Tage. Sie kennen sicherlich die berühmte Stelle aus den Sieben Leuchtern der Baukunst des englischen Kunstgelehrten und -philosophen John Ruskin, geschrieben vor mehr als 150 Jahren: „Bewacht ein altes Bauwerk mit ängstlicher Sorgfalt; bewahrt es so gut wie angängig und um jeden Preis vor dem Zerfall. Zählt seine Steine wie die Edelsteine einer Krone; stellt Wachen rings herum auf, wie an den Thoren einer belagerten Stadt.“ Von diesen Wächtern wüsste ich kaum einen, eine, die aufmerksamer, ehrfurchtsvoller ihres Amtes waltet, mutiger den hurtigen Rekonstrukteuren und Verschlimmbesseren entgegentritt, phantasievoller auf erhaltende Lösungen und erhaltene Spuren dringt als Ira Mazzoni.

    Bei Ruskin heißt es über die mutwilligen oder unwissenden Verursacher der Zerstörungen an Baudenkmälern: „Meine Worte erreichen doch Diejenigen nicht, die sie begehen.“ Diese Versuchung der Resignation kennen sicherlich alle, die auf unserem Felde ackern. Wer nimmt schon zur Kenntnis, was wir da glauben, mit Recht zu verteidigen, wo so viel stärkere Kräfte dagegen stehen, das investitionsbegierige Kapital, das populäre Vorurteil, die Politiker, die rechtzeitig zu den Wahlen Erfolge melden müssen, oder gar Mäzene, die zu viel Geld haben und es am ungeeigneten Objekt ausgeben wollen? Ich weiß nicht, ob Ira Mazzoni im stillen Kämmerchen mit Anfällen von Resignation zu kämpfen hat. Doch öffentlich tritt sie beherzt und anfechtungsfrei auf und sagt, was zu sagen sie für notwendig befindet.

    Auch deshalb verdient sie die Auszeichnung des Verbandes Deutscher Architekten- und Ingenieurvereine DAI, zu der ich ihr ganz herzlich gratuliere - und dem DAI zu seiner Preisträgerin auch.